Entnahmestrategien optimieren – mit dem C(r)ash Puffer ist die 4%-Regel bombensicher!

Entnahmestrategien optimieren – mit dem C(r)ash Puffer ist die 4%-Regel bombensicher!
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Nachdem wir vor 4 Wochen gezeigt haben, dass man durch eine geschickte Asset-Allokation und eine auf dieser basierenden Entnahmeregel die sichere Entnahmerate deutlich über den populären Wert von 4% steigern kann, folgt heute die nächste Untersuchung zum Thema „Entnahmestrategien optimieren“. Nicht jeder Leser scheint sich mit einem Investment in Gold anfreunden zu können. Und auch ich stehe einem Investment in Gold weiterhin skeptisch gegenüber. Das in der Vergangenheit beobachtete antizyklische Verhalten und die Simulationsergebnisse sind in jedem Fall real. Alles nur Zufall oder ist meine Skepsis unbegründet? Ich bin ein Mensch, der grundsätzlich Vieles hinterfragt, auch meine eigenen Ansichten stelle ich regelmäßig auf den Prüfstand. Aus diversen Gesprächen auf Partys etc. wissen wir: wenn wir mit weniger markterfahrenen Personen über Aktien reden, kommen oft die Zocker- und Nullsummenspiel Argumente auf den Tisch. „Die Menschen haben es nicht verstanden“ ist dann oft mein erster Gedanke. Ich frage mich jetzt: habe ich vielleicht genau das gleiche Problem, nur eben mit Gold? Gibt es da etwas, das ich nicht verstanden habe? Ist Gold ähnlich dem Ur-Kilogramm die ultimative Benchmark für das Preisniveau? Also die Assetklasse, die unabhängig von dem ganzen Drunter und Drüber an den Märkten aus realer Sicht langfristig wertstabil ist? Offen gesagt, ich würde mich freuen, wenn dem so wäre, denn das Thema Altersvorsorge und finanzielle Unabhängigkeit ließen sich dann im Einklang mit meinen Untersuchungen deutlich leichter umsetzen. Zum Glück habe ich noch etwas Zeit meine Gedanken weiter reifen zu lassen! Und vielleicht begegnet mir auch noch eine alternative Entnahmestrategie, die ohne Gold auskommt und gleichzeitig ähnlich hohe Entnahmen bei geringer Pleitegefahr erlaubt.

Leapfrogging im Vorruhestand

Die heute vorgestellte Entnahmestrategie ist durch den Kommentarbereich inspiriert. Leserin Florentine fragt:

….wie entwickelt sich die Entnahmerate, wenn ich in dem Zeitraum, jedes Mal, wenn es zum Crash kommt, die Entnahme für einen längeren Zeitraum stoppen kann, um eine überproportionale Entsparung zu vermeiden. Meine Theorie dazu ist, dass ich eine ungefähr um 2 % höhere sichere Entnahmerate habe, wenn es diese Aussetzungsmöglichkeiten gibt, als wenn wirklich regelmäßig entnommen werden muss. LG Florentine

Die konkrete Idee ist also, dass man zu Beginn der Entnahmephase einen Teil des Vermögens in Cash hält, den Rest in Aktien. Kommt es dann während der Entnahmephase zu einem Kurseinbruch, erfolgen die Entnahmen aus der Cash-Reserve und nicht durch den Verkauf von Aktien. Denn das berühmt berüchtigte Sequence of Return Risk (SoRR) hat seine Begründung in der Notwendigkeit Aktien bei geringer Bewertung verkaufen zu müssen. Durch die Hinzunahme einer wertstabilen Alternative lässt sich dieses Risiko reduzieren. Gleichzeitig führt die Verwässerung der Aktienquote im Gesamtvermögen aber auch zu einer reduzierten Portfolio-Rendite. Die Frage lautet daher, ob die Reduktion des SoRR den Rendite-Verlust überkompensiert.

Auf jeden Fall eine spannende Idee wie ich finde! Lassen sich so tatsächlich zusätzliche 2% im Vergleich zu einer 100%igen Anlage in Aktien realisieren? Wir werden sehen!

 

Bevor wir rechnen können muss die Strategie ausformuliert werden

Am Ende wird mal wieder mein Computer die Hauptarbeit übernehmen müssen. Damit dieser die historische Simulation in digitaler 1-0 Computermanier durchführen kann, sind die Leitplanken genau vorzugeben. Was bedeutet z.B. Kurseinbruch? Hier habe ich festgelegt, dass eine Entnahme vom Cash erfolgen soll, sobald der Markt um mindestens 20% eingebrochen ist. Ab dieser Schwelle spricht man offiziell auch von einem Bärenmarkt. Sobald dieser Trigger gerissen ist, legen wir fest, dass der Cash-Topf über 24 Monate gleichmäßig verbraucht wird. Ist der Cash-Topf beispielsweise 240.000 Euro groß, werden nach 20% Kurseinbruch über die nächsten 24 Monate jeden Monat 10.000 Euro entnommen. Dieser Betrag liegt mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit über dem gewünschten Entnahmebetrag. Die resultierenden Überschüsse werden nach dem Crash annahmegemäß in die nun günstig bewerteten Aktien reinvestiert. Dadurch erfährt diese Strategie einen zweiten positiven Effekt, denn nach Krisen sind die Renditeerwartungen wie wir wissen besonders hoch. Die Anlage erfolgt daher zu idealen Bedingungen, was langfristig ebenfalls einen positiven Einfluss auf die sichere Entnahmerate haben sollte.

An dieser Stelle fragt sich der eine oder andere bestimmt, ob man das nicht besser aufeinander abstimmen kann, indem man den exakten Entnahmebetrag vom Cash entnimmt, und den Aktientopf außen vorlässt. Auch wenn ich die Idee gut finde, muss ich jedoch leider sagen, dass dies methodisch bedingt nicht möglich ist. Es darf keine Rückkopplung zwischen der zu errechnenden sicheren Entnahmerate und dem Entnahmebetrag geben. Stattdessen muss die Cash-Entnahme unabhängig sein und feststehen, bevor die sichere Entnahmerate berechnet wird. Andernfalls gibt es keine analytische Lösung.

Nehmen wir diese Strategie nun genauer unter die Lupe

Nachdem die grundlegende Idee und die dazugehörigen Annahmen dieser Entnahmestrategie geklärt sind, messen wir im nächsten Schritt die Effekte und suchen anschließend das Optimum. Und da wir im letzten Artikel zum Thema Entnahmestrategien auch beobachtet haben, wie sehr das Ergebnis durch das zugrundeliegende Zahlenmaterial beeinflusst wird, schauen wir uns die Ergebnisse wieder sowohl für den S&P 500 als auch für den MSCI World an. Die durchgeführte historische Simulation basiert auf monatlichen Renditen der Jahre 1975 bis 2020. Darüber hinaus wird ein TER von 0,2% für den Aktienanteil unterstellt, die Verzinsung des Cash beträgt nominal 0% und real -2%.

Eine Sache noch: die errechneten Entnahmeraten beziehen sich immer auf das vollständige Portfolio, nicht nur auf den Aktienteil! Beispiel: jemand hat sich zu Beginn der Entnahmephase für eine Aufteilung 60% Aktien und 40% Cash-Puffer entschieden. Des Weiteren wurde eine sichere Entnahmerate von 4% ermittelt und der Portfoliowert liegt bei 1.000.000 Euro (600.000 Aktien, 400.000 Cash). Solange kein Bärenmarkt vorliegt, werden dem Aktientopf jedes Jahr 40.000 Euro entnommen. Kommt es irgendwann zum Crash, werden dem Cash-Topf über 2 Jahre jährlich 200.000 Euro entnommen. Davon werden pro Jahr 40.000 verbraucht und 160.000 in Aktien reinvestiert.

Die folgenden beiden Charts veranschaulichen den Einfluss der Cash-Strategie auf die sichere Entnahmerate. Oben sehen wir den S&P 500, darunter den MSCI World:

Jeder einzelne Balken steht für eine Dauer der Entnahmephase, ganz links 15 Jahre und ganz rechts 60 Jahre. Jeder einzelne Balken besteht darüber hinaus aus fünf Segmenten. Das unterste dunkelblaue Segment ist die Entnahmerate eines 100% Aktienportfolios. Darauf folgen 4 weitere Segmente, die den Cash-Puffer in 10%-Schritten abbilden. Ein vollständiger Balken bildet die sichere Entnahmerate mit einem 40%igen Cash-Puffer ab.

Direkt auf den ersten Blick wird klar, dass die Strategie einen signifikant positiven Beitrag leistet. Die eingangs von Florentine erhofften 2% Aufschlag werden zwar nicht erreicht, aber für den 30-jährigen Zeitraum ist unabhängig vom Index eine sichere Entnahmerate von 4,4% möglich. Der aus der Strategie resultierende Aufschlag fällt dagegen unterschiedlich hoch aus. Beim S&P 500 lässt sich die sichere Entnahmerate um ca. 0,5%-Punkte anheben, während beim MSCI World sogar ca. 0,7% Punkte Aufschlag drin sind. Dieser Vorteil wird jedoch durch die geringere „klassische“ sichere Entnahmerate, d.h. unter der Annahme eines 100% Aktienportfolios, des MSCI World nivelliert. Der Grund für die geringere sichere Entnahmerate beim MSCI World liegt an der allgemein deutlich schwächeren Performance des Index im Vergleich zum S&P 500 während der hier betrachteten Periode.

Die einzelnen Teilsegmente im Chart, die den Beitrag des Puffers an der sicheren Entnahmerate beschreiben, lassen erkennen, dass der Anstieg der sicheren Entnahmerate proportional zur Höhe des Cash-Anteils im Gesamtportfolio verläuft. Ganz grob gesprochen kann man sagen, dass die sichere Entnahmerate um ca. 0,15%-Punkte je 10% Cash-Puffer ansteigt, und das nahezu unabhängig von der Laufzeit.

Insgesamt zeigt diese Strategie ein abgerundetes Bild: unabhängig vom zugrundeliegenden Index erreichen wir in etwa das gleiche Niveau. Und auch bei der Zusammensetzung der gesamten Rate aus den einzelnen Segmenten sind diese hinsichtlich ihrer Größe nahezu identisch und im Zeitablauf stabil. Außerdem ist die reale Wertentwicklung von Bargeld deutlich besser vorhersehbar als bei jedem anderen Puffer-Asset. Das stärkt das Vertrauen in diese Entnahmestrategie.

Mir erscheint das positive Ergebnis auch plausibel. Die Strategie verhindert nicht nur, dass Aktien zu Beginn der Entnahmephase zu sehr geringen Bewertungen verkauft werden müssen, sondern erlaubt gleichzeitig auch noch von der berühmten Regression zum Mittelwert zu profitieren. Denn die Cash-Überschüsse werden mitten in der Krise zu attraktiven Preisen investiert. In diesem Artikel haben wir gezeigt, dass die reale Rendite in den Jahren nach einem Crash bei durchschnittlich 9% p.a. liegt. Es macht also Sinn, mutig zu sein und mitten im Crash beherzt zuzugreifen. Dies hat auch wiedermal die aktuelle Corona-Krise deutlich bestätigt.

Was wäre, wenn wir mit dem Cash-Anteil einen Zins erwirtschaften könnten?

Der eine oder andere fragt sich an dieser Stelle bestimmt wie das Ergebnis beeinflusst wäre, wenn es einem gelänge, den Cash-Puffer verzinst anzulegen. Ansparphase und Entnahmephase werden sich in Summe über mehrere Dekaden hinziehen, und es wäre nicht verwunderlich, wenn in dieser Zeit irgendwann mal wieder die Zinsen steigen. Aus diesem Grund habe ich untersucht, welcher zusätzliche Aufschlag sich auf die sichere Entnahmerate ergäbe, wenn das Cash in der Zeit vor dem Kurseinbruch mit 1% und 2% verzinst wird (real nach Abzug von 2% Inflation: -1% und 0%). Die folgenden beiden Grafiken zeigen das Ergebnis jeweils für 1% und 2% Nominalzins:

Wieder steht jeder Balken für eine bestimmte Länge der Entnahmephase in Jahren. Die vier farblichen Segmente stehen für die verschiedenen Puffergrößen. Auf den ersten Blick lässt sich der folgende ungefähre Zusammenhang für Entnahmephasen länger als 30 Jahre erkennen: der Zuschlag beträgt pro Prozentpunkt Zins und je 10% Puffer ca. 0,0125%. Bei 2% Zinsen und 40% Puffer ergibt sich beispielsweise ein Zuschlag von 4 x 2 x 0,0125% = 0,1%-Punkte. Die gesamte sichere Entnahmerate läge dann bei 4,5% statt bei 4,4%. Dass der Zins einen positiven Effekt haben würde, war zu vermuten. Auch hier gefällt mir persönlich wieder wie oben die Gleichmäßigkeit und Konstanz des Zuschlags. Insgesamt erscheint diese Entnahmestrategie sehr robust!

Fazit

Der Erfolg dieser Strategie beruht wie eingangs erwähnt auf 2 Komponenten. Zum einen wäre da die Entschärfung des Sequence of Return Risks dadurch, dass Aktien im Falle eines Crashs unmittelbar nach Start der Entnahmephase nicht bei geringer Bewertung verkauft werden. Dadurch ermöglichen wir es dem Aktienportfolio, an der Erholung nach dem Crash zu partizipieren.

Zum anderen wird der positive Effekt der Strategie zusätzlich verstärkt, indem das überschüssige Cash zu günstigen Bewertungen in Aktien investiert wird. Diese Neuanlagen waren von dem vorausgegangenen Abschwung nicht betroffen, und können so vollständig von der renditestarken Erholung profitieren.

Ich danke Leserin Florentine dafür, dass Sie diese interessante Idee eingebracht hat. Dass es dabei zu überschüssigem Cash kommt, welches im Crash zu günstigen Konditionen in den Aktienmarkt reinvestiert wird, war ursprünglich nicht vorgesehen. Doch ist eine exakte Abstimmung von sicherem Entnahmebetrag und Verbrauch des Cash Puffers aus technischen und mathematischen Gründen, wenn überhaupt nur mit extrem großem Aufwand möglich. Und im Nachhinein ist das aus meiner Sicht auch nicht wirklich schlimm, denn dieser Effekt leistet einen erheblichen Beitrag zum positiven Abschneiden der Strategie. Während der Berechnungen habe ich auch mit längeren Zeiträumen der Cash-Entnahme experimentiert. Dabei konnte ich feststellen, dass eine Erweiterung von 24 Monaten auf 36 Monate mit den von mir verwendeten Daten keinen weiteren Vorteil generiert.

Die oft kritisierte 4%-Regel, zu deren Kritikern ich in ihrer Urform selbst auch gehöre, lässt sich anscheinend mit der einen oder anderen Optimierung doch umsetzen. Die Grafiken oben zeigen, dass mit der heute vorgestellten Entnahmestrategie eine Entnahmerate von 4% auch für Zeiträume bis 60 Jahre vertretbar ist. Ohne den zusätzlichen Cash-Puffer liegt die Pleitewahrscheinlichkeit der klassischen 4%-Regel für den 60-jährigen Zeitraum bei ca. 13%. Mit Cash Puffer dagegen fast bei null.

Wie immer freue ich mich auf eure Kommentare und Anregungen für neue Entnahmestrategien.

 


Titelbild: JillWellington, Pixabay.com

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Daniel
Daniel
5 Monate zuvor

Tolle Betrachtung!! …überhaupt die gesamte Serie toll gemacht!

ab wann wird der Cash Puffer dann aufgebaut, sprich wie viele Jahre vor Start Entnahmephase die 100% Aktien-Quote Zb auf 60% reduzieren? Wie reduzieren: Verkäufe oder frisches Geld aus dem sparplan auf Cash umleiten?

warum der Cash-Topf in den 2 (Warum gerade 2?) Jahren komplett auflösen und nicht die Entnahme konstant halten, das konnte ich nicht komplett nachvollziehen…

RoMario
RoMario
5 Monate zuvor

Hallo Georg,
besten Dank für den gewohnt informativen Artikel. Ich habe eine Verständnisfrage:
wenn der Puffer in zwei Jahren aufgebraucht werden soll, wäre doch ein 10%-Cash-Puffer (2 Jahre mit 5%) optimal – alles darüber Hinausgehende wäre doch in Aktien besser platziert. Eine Art „Crash-Market-Timing“ mit dem unverbrauchten Cash erhöht vermutlich die Stabilität des Portfolios, senkt aber langfristig gesehen die Rendite deutlich… Sehe ich da was falsch, siehst Du das anders oder was waren die Überlegungen mit 40 % Cash?
Danke und LG RoMario

Sven
Sven
5 Monate zuvor

Hi Georg,

du sprichst es zwar am Anfang des Artikels an, aber danach habe ich dazu nichts mehr gelesen, daher muss ich meine Kritik vom letzten Mal auch hier nochmal anbringen: Die Berechnungen lassen außen vor, was der Aufbau und das Halten eines Cashpuffers für das Portfolio in der Gesamtschau bedeuten.

Stumpf gesagt: Natürlich steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit, wenn wir mit 500k Cash statt 500k Aktien in die Entnahme starten, weil das Cash keinen Schwankungen unterliegt. Aber wenn wir die 500k vorher in Aktien gesteckt haben, sind es halt keine 500k mehr. Am Ende bestätigt der Artikel, dass Cash planbarer ist. 🙂

Aus meiner Sicht muss man jede Entnahme, die die Assetallokation als Variable hat, auch die Auswirkung der Allokation auf die Ansparphase betrachten. Auch das Liquidieren muss ja geplant sein und unterliegt ggf. dem SoRR. 100% Aktien als Strategie hat ja den Sinn, den zur Verfügung stehenden Betrag zu maximieren. Am Ende zwei gleiche Beträge zu nehmen und dann das Volatile mit dem Unvolatilen nur auf die Überlebenswahrscheinlichkeit hin zu überprüfen, scheint mir da wenig sinnvoll. 🙂

Sven
Sven
Reply to  Georg
5 Monate zuvor

> Ohne große Einmalzahlung würde ich aus steuerlichen Gründen ein neues Depot mit frischen ETFs aufsetzen und dieses dann liquidieren. Was spricht dagegen?

Das, was ich oben schrieb. 🙂 Mal eine kleine Beispielrechnung mit einem Gesamtdepot von 500k und deinen Zahlen von oben.

Ausgangspunkt: Entnahmeeintritt -5 Jahre.

Deine Berechnungen: Cashpuffer, 40%, erhöht die sichere Entnahmerate. Super Sache! Also, fünf Jahre vorher liquidiert um SoRR abzufangen und in Cash rumliegen lassen.

Jetzt arbeiten die Märkte „normal“ weiter, sagen wir 6% p.a.

Jetzt haben wir 300k in Aktien, nach fünf Jahren also gute 400k sowie 200k in Cash, die da so bleiben. Gesamtportfoliowert 600k, sichere Entnahmerate 4,4%, also jährlich 26,4k.

Dazu im Vergleich das vorherige Portfolio: 500k. Macht einfach fünf Jahre weiter. Kein administrativer Aufwand, Portfoliowert ca. 670k. Sichere Entnahmerate ohne Puffer 3,9%, also 26,1k.

Von den knapp 13% besserer Performance im Beitrag (4,4/3,9) bei gleichem Startwert bleiben bei einer Mittelwertbetrachtung der letzten Jahre vor der Entnahme am Ende also eher so 1% (26,4/26,1) übrig. Mit entsprechendem administrativen Aufwand, unbeachteten Steuerabzügen und einem verlagerten SoRR (was mache ich, wenn fünf Jahre vor Entnahme der Crash ist? Liquidiere ich trotzdem? Strecke ich die Liquidierung? Fang ich früher an? …)

Wenn man hinten anfängt, sieht das optimale Ergebnis immer toll aus. Betrachte ich nur die Essensphase, dann ist ein Wildschweinragout mit Rotkohl und Klößen als Besuchsessen besser als eine Tiefkühlpizza. Betrachte ich allerdings beim Planen der Essensphase auch die Zubereitungsphase, ist der Vorteil vielleicht sogar immer noch da – aber er ist definitiv deutlich kleiner. 😀

In diesem Sinne: guten Hunger. Und einen guten Start in die Woche! 😉

Daniel
Daniel
5 Monate zuvor

Jeder Artikel von Dir ist eine sensationelle Bereicherung! Herzlichen Dank!

Bastian
Bastian
5 Monate zuvor

Fragen von mir:

  • Bei 20% Verlust wird der Cashanteil aufgezehrt und zwar ab dem Moment für zwei Jahre, unabhängig davon wie sich der Markt weiter entwickelt? So habe ich es verstanden.
  • Wie sind die 20% Verlust eigentlich definiert? 20% Verlust zur vorigen Entnahmerate (Vormonat)? Oder von welchem Zeitraum reden wir hier?
  • Der betrachtete Zeitraum ist mit 60 Jahren lang, hier gibt es ja je nach Definition mehrmals 20% Verlust, wie wurde damit umgegangen?
Joerg
Joerg
5 Monate zuvor

Moin Georg,
interessanter Beitrag!
Folgende Fragen:
1) „Ab dieser Schwelle spricht man offiziell auch von einem Bärenmarkt. Sobald dieser Trigger gerissen ist, legen wir fest, dass der Cash-Topf über 24 Monate gleichmäßig verbraucht wird. Ist der Cash-Topf beispielsweise 240.000 Euro groß,“
hier sprichst du von 240k, unten von 400k mit was hast du gerechnet? Waere es besser oben auch von 400k zu sprechen?
2) Verstaendnis-Frage: Was passiert bei kurzen Korrekturen (also -20% im Index) dann aber wieder Erholung und dahinpendeln? Werden dann die 24buy&spend Monate unterbrochen?
Also, wie waere das jetzt mit dem Mrz.2000-Tief gewesen, wuerden jetzt die Cash-Puffer weiterverbraucht und gekauft, oder methodisch unterbrochen?
Bsp: Saegezahn Markt, kurz antriggern, 24 Monate in „hoehere Kurse“ umschichten und dann ab Monat25 geht’s erst richtig in die Gruetze?!
3) Intuitiv kommt mir das Ergebnis deiner Simulation „komisch“ vor. Es muesste ein Maximum beim Cash-Puffer geben, oder? Es scheint aber mit 40% Cash noch nicht erreicht? Hast du mal spasseshalber 50, 60, 70% probiert einfach um zu schauen, ob es auch „zuviel Cash“ sein kann?
4) Im Prinzip ist dein beschriebenes Verfahren aber aehnlich wie die bekannten Gliding-Path-Ergebnisse: steigende Aktienquoten in den Entsparbereich hinein, machen alles „sicherer“, weil so die kritischen ersten 30-40% der Entsparzeit abgedeckt werden.
5) 0,5-0,7% mehr „brutto“-Entnahme schafft man ggfls auch schon fast durch „netto“-Entnahme-Optimierung (Kursgewinnleiter = gezieltes Entsparen von ETFs, die am wenigsten im Gewinn stehen, um Kursgewinnsteuern zu vermeiden, moeglichst lange zu stunden)?
6) Im Datensatz 1975-2020 fehlen leider laengere Aktienmarkt Durststrecken (geringe Realrenditen ueber 10-15 Jahre) wie es wohl zB ab vor WeltKrieg2 bzw 1965-folgende der Fall war.
Hoffentlich kommen solche Phasen nicht wieder (aber ich fuerchte, so unwahrscheinlich ist das nicht)? Eine Dekade mit nur 1-2% Realrenditen am Aktienmarkt und leichten Negativ-Renditen im Cash waeren fuer die simulierte 60/40 Strategie toedlich?
Im betrachteten Zeitraum war eben vorteilhaft, dass es jeweils kurze, starke Baissen gab. Mit Entsparbeginn einsetzende „Eiszeiten“ wuerde der Cash-Puffer zum „schwarzen Loch“ werden?
7) Momentan scheinen mir Hybrid-Strategien am Besten (zB Entnahmestart bei 4% bei normalem Abstand (15-25%) vom 150wGD/36mGD/3aGD) mit 2,8% fixer Entnahme(x0,7) (zB f. Grundbeduerfnisse) und 1,2% variabler Entnahme(x0,3) (jeweils 1,2% vom restlichen Depot) bei einem Cash-Zelt zu Beginn von 3-4 Jahres-Verbraeuchen, welches die ersten 5a der Entsparzeit bei guten Aktienmaerkten aufgefuellt wird, aber ab Jahr_6 dann auf langfristig 1,5-2 Jahresverbraeuchen abgeschmolzen wird (bei 30-35 Restjahren).
Bei Depotwert ueber 25% Abstand vom 3aGD nur mit insges. 3,5% starten, bei 0-15% mit 4,5% und bei unter dem 3aGD (zB M.Mrz.2020) mit 5% starten.
Prinzip ist hier beschrieben: https://www.forbes.com/sites/wadepfau/2016/10/11/are-retirement-spending-strategies-different-for-individuals-and-institutions/ bzw bei Oli (Hybridstrategie)
Mir gefaellt, dass wie unser reales Leben Anpassungen erfordert, auch eine Entnahmestrategie an die zukuenftige Real-Rendite des Kapitalmarktes angepasst werden muss?!
Was in der Vergangenheit war, wird uns in der Zukunft nicht/kaum helfen?
Vielen Dank nochmals fuer deine interessante Reihe.
LG Joerg

Joerg
Joerg
Reply to  Georg
5 Monate zuvor

Vielen Dank fuer die Antworten, Georg.

(unter 2. meinte ich natuerlich Mrz 2020)

zu 3. Das verstehe ich nicht ganz, wie rechnest du nochmal? Werden Faelle, in denen das Vermoegen (kurz) mal negativ wird, nicht als Ausfaelle gewertet? Also wird nicht eine Statistik gemacht, bei wievielen Entsparstartpunkten eine Methodik ausfaellt/nicht funzt?
Also heisst das, bis 40% Cash-Allocation ist im Zeitraum ab 1975 es nie zu einem Ausfall gekommen mit 4% Startentnahme?

zu 5. Uff (ich bin ja eher faul). Ausserdem ist es ja hypothetisch, weil man die Steuersysteme in der Zukunft nicht kennt.
Oli hat das ja schon schoen beschrieben?! (frugalisten.de/steuern-kapitalertraege-privatier-optimieren/) und in den aelteren Artikeln bei Albert (finanzwesir.com/blog/thesaurierend-detail), kann man sich das aus den Kommentaren gut zusammenreimen?!
Ganz kurz: Depot schon in der Ansparphase strukturieren; rechtzeitig/vor allem auf Thesaurierer setzen; Kursgewinnleiter bauen (Produkte, Depots, Unterdepots); ggfls bei Gelegenheiten (DrawDown) Tax-Loss-Harvesting in Betracht ziehen; moeglichst keine steuerl. wirksamen Umschichtungen und max. Buy and Hold; in der Entsparphase keine steuerl. wirksamen Strategieaenderungen; Verkaeufe aus den ETFs, die zuletzt angeschafft wurden/am wenigsten im Gewinn sind; keine (zu)hohen, steuerbaren Renten anstreben; generell kaum auf Ausschuettungen setzen sondern auf Anteilsverkaeufe.

zu 6. Ja, etwas reisserisch („black hole“), ich meinte die „mediocre-returns“:
https://www.kitces.com/blog/why-merely-mediocre-returns-can-be-worse-than-a-market-crash/
Letztlich gibt’s keine Sicherheit. Eine lange Phase der Stagflation (geringe/keine Realrenditen-Zuwaechse, Stelters sog. „Eiszeit“) waere ein Problem fuer alle Entnehmer.
Erst im Nachhinein wird klar sein, was fuer den pers. Investment-Pfad das Optimale gewesen waere (= nutzlos/zu spaet).
Als Altersvorsorge-Interessierte bleibt nur: die Wahrscheinlichkeit zu optimieren fuer eine moeglichst grosse Real-Rendite zwischen „Jetzt“, Entsparbeginn/-verlauf/-ende.
Es gab und wird laengere Phasen ohne (Aktienmarkt-)Renditen geben. Letztendlich demuetig bleiben: wir koennen nicht wissen was kommt.
Beeinflussbar sind nur die alten Bekannten: Investiere moeglichst viel und breit in die Summe aller Wirtschaftssubjekte dieser Welt, weil es auf lange Sicht das Beste war (und vermutlich so bleiben wird).
Achte auf Kosten, Gebuehren, Steuern. Flexibel bleiben; Ausgaben einteilen in Needs and Wants/Wishes (macht man automatisch), dann reicht’s hoffentlich fuer die Needs!

zu 7. Klar, wer mag schon Unsicherheit/Schwankung. Aber auch schwankende Entnahmebetraege sind kein Beinbruch und naeher an der Realitaet?
Sie schwanken ja nicht soo stark bei 0,7x fix (zB 2,8%) und 0,3x variabel (zB Start 1,2%), ist ja schon besser, wie die 50/50 im Paper und halt robuster, als eine Zahl (zB 4%) bei Entnahmebeginn zu fixieren und dann nach 10-15 Jahren erleben zu muessen, dass es der Markt fuer meinen pers. In-/Desinvestmentpfad leider (doch) nicht hergibt?
Der eingebaute Automatismus bei der Hybrid-Strategie gefaellt mir gut und ist weniger komplex als Guyton-Klinger oder andere Guard-Rail / Floor-Ceiling-Verfahren?!
Weil man sowieso am Markt haengt, ueberlaesst man es zum Teil dem Markt, wieviel er zu geben bereit ist.

LG und eine schoene Woche, Joerg

Joerg
Joerg
5 Monate zuvor

Statt mit Zeit-Staffel („binnen 24 Monaten in den Markt„) mit Kursverlust-Staffel arbeiten?

Wenn man sportlich unterwegs sein will und die Opportunitaetskosten eines 400k Cash-Polsters im Negativ-Realzins-Universum hasst, koennte man im Zeitraum des ersten Drittels der Entsparzeit durch die Option eines Wertpapierkredites (auf das eigene Depot) oder ein Hypothekendarlehen (falls Immo vorhanden) in einem Crash gestaffelt in den Markt gehen?
z.B.
– 5% vom Anfangs-Depot-Wert bei 25% Minus im MSCI ACWI/Vang.AllWorld zu kaufen.
– 10% bei 35% Minus,
– 15% bei 45% Minus.
Das haette im (juengeren) Backtesting bei kleinen Kreditzinsen schoene Ergebnisse fuer eine anschliessend hoehere SWR kreiert. Aber das wuerde nur fuer eine kleine Anzahl von HardCore-Zockern in Frage kommen?
Risiko einer L-Wirtschaftserholung (also keiner substantiellen) wuerde das Genick brechen. V- oder U-Erholung klappt.
Der Vorteil waere: nur wenn wirklich ein (grosser) Crash kommt, muss gehandelt werden. Allerdings ist es gut, man hat das ganze Prozedere schon vor dem Entsparbeginn ein paar mal durchexerziert (wenigstens auf kl. Basis).

Fuer 99% der Leser waere das wohl nix? Angewiederte Abwendung bzw „ich bin (jetzt) zu alt fuer den Schxxx“?
LG Joerg

Joerg
Joerg
Reply to  Georg
5 Monate zuvor

Mir ist es vielleicht zu heiss (kommt darauf an).

Ein Wertpapier- oder Lombard-Kredit kann man sich bei vielen Brokern kostenlos einrichten lassen (Gelegenheit schafft Optionen, gute wie schlechte).
Je nach Einzelaktien/ETF/Fonds sind ca. 0-60% vom aktuellen Wert beleihbar (variiert nach Broker, Underlying etc).
Damit hat man Feuerkraft fuer ein paar Limit-Fishing-Orders bei kurzen, scharfen Einbruechen (zuletzt im Mrz verwendet, bis jetzt Glueck gehabt). Den Kredit hatte ich dann schnell vom Notgroschen wieder aufgefuellt und mich auch fuer einen Hypothekenkredit interessiert (aber dann nicht abgeschlossen, ging ja auch V-foermig wieder hoch).

So lange man mit Bedacht vorgeht (5/25, 10/35, 15/45 o.ae.) wuerde keine Kreditlinie platzen (wenn es nicht auf < -66% runter ginge, war zu letzt in den Jahren nach 1929 der Fall?). Immo-Besicherung platzt eher nicht.

In der Dotcom-Blase hatte ich viel Lehrgeld bezahlt mit MarginCalls und Liquidierungen in Tech-Titeln. Trotzdem, war es nicht das „boese Teufelszeug“ sondern meine Naivitaet, mangelnde Erfahrung und Unvermoegen.
Nicht die „heisse Platte“ war schuld, sondern dass ICH (zu flaechig und fest) drauf gelangt habe!

Raten wuerde ich nie jemandem dazu, aber hier im „was-waere-wenn“ Forum kann es ja mal als abschreckendes Bsp erwaehnt werden 😉

LG Joerg

Martin
Martin
4 Monate zuvor

Hallo Georg,
wieder ein interessanter Artikel aus der Reihe der Entnahmestrategieen.
Jeder davon hat meine Sicht auf die Dinge ein bisschen klarer gemacht.
Der Anteil der deutschsprachigen Artikel in der fire Scene ist ja leider immer noch sehr gering.

Wird die Cashposition nur einmal verbraucht, oder wird sie nach dem Crash wieder aufgebaut? Bei einer längeren Entspaarphase wird man ja mehr als einen Crash mitmachen.

Gruß,
Martin

Florentine
Florentine
4 Monate zuvor

Lieber Georg, vielen herzlichen Dank für die Aufnahme meiner Gedanken in die Berechnungen in diesem Artikel.
Im Hinblick auf meine eigenen Überlegungen hilft es mir auf jeden Fall weiter, auch wenn ich mich mit der Idee, den gesamten Puffer zu investieren, nicht anfreunden kann.
In meiner eigenen Theorie gehe ich ebenfalls davon aus, dass sich ein mehr oder weniger starkes Crash Szenario alle 10-15 Jahre wiederholen wird.
Dieses wirklich mathematisch in Formeln zu bringen, ist mit Sicherheit nicht ohne weiteres möglich.
Insgesamt freue ich mich über jeden Deiner Artikel zum Entnahmethema, weil es einfach zu wenig deutschsprachige Arbeiten zu diesem Thema gibt und die meisten sehr an der Oberfläche bleiben und mit irgendwelchem allgemein pseudogültigen Blabla enden.
Danke für diesen Blog!
Florentine