Pimp my Riester Rente

Pimp my Riester Rente

Stell Dir vor in Deutschland gäbe es ein neues Angebot zur Altersvorsorge. Und zwar leiht der Staat jedem interessierten Arbeitnehmer 30.000 Euro zu 0% Zinsen. Dieses Geld kannst Du dann z.B. in Aktien ETFs investieren. Das zinslose Darlehen kannst Du jederzeit zurückzuzahlen, die damit erwirtschafteten Gewinne gehören jedoch Dir. Und wenn Du zum Zeitpunkt der Rückzahlung 62 Jahre alt oder älter bist und mindestens 12 Jahre investiert hast, musst Du die Gewinne sogar nur zur Hälfte versteuern. Sollten in der Zwischenzeit Verluste statt Gewinne entstanden sein, dann ist das auch kein Problem, denn der Staat trägt zusätzlich auch noch das Verlustrisiko. Für Dich ist diese Anlage komplett risikolos, Du kannst nur gewinnen.

Mit einem breiten Grinsen im Gesicht denkst Du Dir jetzt, dass das ein wirklich tolles Angebot wäre, das jedoch leider nichts mit der Realität zu tun hat. Und insbesondere in einem Land wie Deutschland, das hinsichtlich der Altersvorsorge eher ein Entwicklungsland ist, ist ein solches Modell erst recht nicht vorstellbar….oder vielleicht doch?

Was wäre wenn ich Dir jetzt verrate, dass es dieses Angebot tatsächlich in Deutschland gibt, und Du einfach in der Form noch nichts davon gehört hast? Wie auch Du von diesem fantastischen zinslosen Darlehen ohne Verlustrisiko und mit nur zur Hälfte zu versteuernden Gewinnen profitieren kannst, werde ich Dir im Folgenden genau erklären.

Das Angebot ist zudem noch nicht mal neu, sondern existiert bereits viele Jahre, und hört auf den Namen Riester-Rente. Ja richtig gelesen, Riester Rente. Dieses Teil von dem man immer wieder liest, dass die Politik versagt hat, und man als Sparer von Versicherungen und Asset-Managern nur um seine Zulagen und Steuervorteile gebracht wird. Und diese Kritik ist auch weitestgehend berechtigt! Denn die meisten Anbieter vertreiben Produkte mit hohen, intransparenten Kosten, so dass es sich nicht lohnt diese abzuschließen. Es gibt jedoch einen Weg wie man die Riester Rente in ein attraktives Spar-Vehikel verwandeln kann, das einer klassischen Aktien-Anlage deutlich überlegen ist.

Rendite Turbo durch 0% Fremdkapitalkosten

Dieser Weg nennt sich schädliche Verwendung, was inhaltlich nichts anderes bedeutet als eine Kündigung vor Ende der Vertragslaufzeit. Denn hierbei gelten ganz spezielle Regelungen: grundsätzlich sind bei Kündigung eines Riester Vertrags die staatliche Zulagen und die gewährten Steuervorteile zurückzuzahlen. Die im Zeitablauf damit erwirtschafteten Gewinne darf der Sparer, genau wie die Gewinne aus selbst eingezahltem Kapital, jedoch behalten. Er muss diese lediglich gemeinsam mit den übrigen Gewinnen mit seinem persönlichen Steuersatz versteuern. Hier bietet es sich bereits an diesen Weg zu einem Zeitpunkt zu gehen, zu dem der persönliche Steuersatz gering ist, z.B. während eines vorgezogenen Ruhestands. Aber es kommt noch besser! Wenn der Sparer zum Zeitpunkt der Vertragskündigung mindestens 62 Jahre alt ist und der Vertrag zu diesem Zeitpunkt auch mindestens seit 12 Jahre besteht, dann sind alle in dem Vertrag erwirtschafteten Gewinne nur zur Hälfte zu versteuern. Ja, Du hast es richtig verstanden, die Hälfte Deiner Gewinne, egal ob mit Zulagen, Steuervorteilen oder eigenem Kapital erwirtschaftet, kannst du komplett steuerfrei behalten! Die andere Hälfte wird wieder mit deinem persönlichen Steuersatz versteuert. Das bedeutet also, dass Dir der Staat ein zinsloses Darlehen in Höhe der Dir gezahlten Zulagen und Steuervorteile gewährt. Wer jetzt denkt, dass das alles viel zu schön klingt um wahr zu sein, der schaut am besten selbst in das Einkommenssteuergesetz und liest dort unter § 22 Nr. 5 Satz 2 Buchstabe b i.V.m § 20 Abs. 1 Nr. 6. alles noch einmal in feinstem Juristendeutsch nach.

Ab jetzt sollte langsam so etwas wie Begeisterung aufkommen – und ich lege sogar noch einmal nach: man kann die Vertragsauflösung auch über mehrere Jahre strecken und auf diesem Weg weitere Steueroptimierung betreiben, indem man nur so viel auflöst wie man selbst zum Leben braucht und so vermeidet in die höheren Steuerklassen zu gelangen. Die Zeit von 62 bis 67 lässt sich so durch das „Schlachten“ eines Riester-Vertrags sehr gut überbrücken, vorausgesetzt der Vertrag ist einigermaßen „fett“. Und das ist realistisch, denn wer ab einem Alter von 25 Jahren bis 62 jeden Monat 96,25 Euro einzahlt, der darf zum Zeitpunkt der schädlichen Verwendung mit einem Vertragswert von ca. 320.000  Euro rechnen (6,2% jährliche Rendite nach Kosten auf Eigenbeitrag, Zulagen und Steuererstattung). Und von diesem Vermögen sollte es sehr gut möglich sein sich selbst und vielleicht auch noch andere für einige Jahre über Wasser zu halten, und die Zeit bis zum Bezug der gesetzlichen Rente zu überbrücken.

Wer viel Steuern zahlt profitiert am meisten

Wie vorteilhaft der Riester ETF-Sparplan gegenüber einem klassischen ETF-Sparplan ist, hängt im Wesentlichen von 2 Parametern ab. Diese sind zum einen der persönliche Steuersatz und zum anderen die Kosten des Sparplans.

1) persönlicher Steuersatz:

Wer mehr verdient zahlt in der Regel auch mehr Steuern. Und da beim Riester die eigenen Einzahlungen steuerlich geltend gemacht werden können, erhält man umso mehr zurück umso höher der eigene Steuersatz ist. Das in den Riester-Vertrag eingezahlte Kapital bleibt davon aber unberührt, so dass mit höherem Steuersatz der Beitragsanteil der vom Staat gesponsert wird höher ausfällt als bei niedrigem Steuersatz. Besser-Verdiener erhalten also mehr Gratis-Fremdkapital vom Staat. Ein Beispiel: Grundsätzlich gilt, dass der vom Staat maximal geförderte Jahresbeitrag bei 2.100 Euro liegt. Diesen kann man im Folgejahr von der Steuer absetzen. Jemand der 40% Steuern zahlt erhält dann 840 Euro vom Staat zurück, jemand der 30% Steuern zahlt dagegen nur 630 Euro. Beide Sparer haben brutto den gleichen Betrag eingezahlt, netto hat der Sparer mit 40% Steuersatz jedoch 210 Euro weniger aus der eigenen Tasche beigesteuert. Die Steuererstattung wirkt dabei wie ein Gratis-Darlehen durch den Staat an den Sparer.

Anschließend ist auch der Steuersatz in der „Rentenphase“, also zu der Zeit zu der man plant sich die Investments in dem Sparplan auszahlen zu lassen, relevant. Dieser sollte natürlich unabhängig vom Vertragstyp möglichst niedrig sein, klar. Für die relative Vorteilhaftigkeit ist jedoch ein Steuersatz von 25% optimal. Bei individuellen Steuersätzen über 25% profitiert der klassische ETF-Sparplan von der Abgeltungssteuer, denn die Hälfte der Gewinne aus dem gekündigten Riester-Sparplan sind mit dem persönlichen Einkommenssteuersatz gemäß Einkommenssteuergesetz zu versteuern, während dieser bei Kapitalerträgen (noch) bei 25% gedeckelt ist. Unterhalb von 25% ist das Bild etwas komplizierter. Die relative Vorteilhaftigkeit des Riester-ETF Sparplans nimmt auch hier immer weiter ab, je mehr man sich von einem Steuersatz von 25% entfernt. Dies ist nicht ganz intuitiv wie ich finde, liegt aber daran, dass der Vorteil der hälftigen Besteuerung nur noch weniger stark ausgespielt werden kann. Am Extrempunkt eines individuellen Steuersatzes von 0% wird z.B. schnell klar, dass es unerheblich ist ob man die Gewinne vollständig oder nur zur Hälfte versteuern muss. An dieser Stelle ein kurzer Blick auf die Zahlen, das TER (Total Expense Ratio = laufende Sparplankosten) ist hier einheitlich auf 0,2% gesetzt, damit die Tabellen nur von den Steuereffekten beeinflusst sind:

2) Kosten des Sparplans (TER)

Für die relative Vorteilhaftigkeit spielen natürlich auch die Kosten eine große Rolle. Während ETF-Sparpläne heutzutage locker für 0,2% Kostenquote pro Jahr darstellbar sind, sind Riester-Verträge oft sehr teuer.

Die meisten Anbieter bereichern sich auf Kosten Deiner Altersvorsorge

Üblich sind Kosten von deutlich über 2%, auch mehr als 5% genehmigt sich der eine oder andere Anbieter. Diese horrenden Kosten sind natürlich gut versteckt, in Form von Depotgebühren, Ausgabeaufschlägen, Performance Fees, Maintenance Fees usw. Der Phantasie der Anbieter sind hier keine Grenzen gesetzt, und alles wird natürlich so gestaltet, dass der Kunde möglichst wenig versteht und keinen Durchblick hat. Das hat jetzt endlich auch der Gesetzgeber erkannt, weshalb seit diesem Jahr jeder Kunde einmal jährlich eine detaillierte Kostenübersicht gemäß §7a AltZertG erhält. Ich bin mir sicher, dass diese neue Information dem einen oder anderen die Augen öffnen, und auch noch für einiges an Bewegung im Riester-Markt sorgen wird.

Es gibt aber inzwischen auch einen Anbieter der ETF-basiertes Riestersparen anbietet, und mit einer Kostenquote von ca. 0,8% wirbt. Hierbei handelt es sich aus meiner Sicht um das mit Abstand beste Riester-Produkt das gegenwärtig am Markt verfügbar ist. Ich habe selbst meine eigene Riester-Rente auch dort. Für meinen Vergleich nehme ich deshalb ein TER von 0,8% für den Riester-ETF und 0,2% für den klassischen ETF an. Das nun vollständige Bild siehst Du in der folgenden Tabelle:

Wie sehr Dir eine hohe Kostenquote Deinen Riestersparplan kaputt machen kann siehst Du im direkten Vergleich in der nächsten Tabelle. Hier habe ich ein TER von 2,5% angenommen, was dem TER der meisten Riester-Produkte von Fondsgesellschaften entspricht. Versicherungen verlangen häufiger noch mehr. Der gesamte Netto-Gewinn am Ende der Laufzeit ist dadurch ca. 100.000 Euro geringer als beim ETF-Riester (!) Diese landen dann anstatt in Deiner Tasche im Ertrag des Anbieters, was ich persönlich für eine riesen Sauerei halte, denn hier geht es um die Altersvorsorge. Und in Zeiten von drohender Altersarmut halte ich es für verwerflich Kunden mit verschleierten Gebühren auszubeuten, damit einige wenige sich die Taschen vollmachen können. Hier hat die Politik aus meiner Sicht ganz klar versagt. Die folgende Tabelle zeigt, dass bei den üblichen Gebühren eine Riester Rente im Vergleich zu einem klassischen ETF-Sparplan so gut wie immer schlechter abschneidet:

Ein Anbieterwechsel lohnt sich doppelt

Der eine oder andere mit bestehendem Vertrag ist vielleicht schon aufgewacht und hat festgestellt, dass der eigene Vertrag sehr hohe Kosten verursacht und alles andere als optimal ist. Doch das bedeutet nicht, dass es jetzt zu spät ist auf den richtigen Riesterzug aufzuspringen. Ganz im Gegenteil, das kann unter Umständen sogar sehr viel Sinn machen. Denn beim Riester ist es ja bekanntlich so, dass die eingezahlten Beiträge garantiert sind. Ist am Ende der Laufzeit weniger im Topf, muss der Anbieter nachschießen. Diese Garantie gilt im Falle eines Anbieterwechsels auch für die bis dahin angelaufenen Gewinne! Wenn Du z.B. bisher 10.000 Euro in Deinen Vertrag eingezahlt hast, und im Zeitablauf auch noch 5.000 Euro Gewinne dazugekommen sind, dann garantiert Dir Dein aktueller Anbieter lediglich die 10.000 Euro Einzahlungen. Wechselst Du jetzt zu einem neuen, kostengünstigeren Anbieter, dann werden die gesamten 15.000 Euro auf diesen übertragen und auch für die Zukunft garantiert. Das bedeutet also, dass Du durch einen Anbieterwechsel deine bisherigen Gewinne fest einbuchst. Neben der Kostenoptimierung und damit langfristig wesentlich besseren Performance ist dies ein weiterer wesentlicher Vorteil eines Anbieterwechsels.

Verrentung des Kapitals ist suboptimal

Zum Abschluss will ich Dir noch einen weiteren wichtigen Grund nennen, der aus meiner Sicht für die schädliche Verwendung spricht. Wie bereits oben dargestellt, bedeutet schädliche Verwendung nichts anderes als eine vorzeitige Vertragskündigung. Denn der Riester ist eigentlich so aufgebaut, dass die Ansparphase unmittelbar in eine Verrentungsphase übergeht. Das ist dann die Zeit während der Du die eigentliche Riester Rente erhältst. Während der Verrentungsphase wird Dir in Abhängigkeit von Deinem Kapitalstock zum Ende der Ansparphase bis zum Lebensende jeden Monat eine Rente in einer bestimmten Höhe ausgezahlt. Der durchschnittliche Riester-Kunde darf sich dann ab einem Alter von 67 Jahren gemäß Lebenserwartung auf ca. 20 Jahre Riester-Rente freuen. 20 Jahre, das wären 5% des Kapitals pro Jahr. Dein Riester Anbieter wird Dir jedoch lediglich einen Rentenfaktor von ca. 30 anbieten (wenn er gut ist). Das bedeutet, dass Du für jede 10.000 Euro angespartes Kapital 30 Euro Rente pro Monat erhalten wirst. Das sind 360 Euro pro Jahr, oder 3,6% auf das eingezahlte Kapital. Dazu kommt, dass diese Rente nicht an die Inflation angepasst wird, d.h. der reale Gegenwert sinkt im Zeitablauf ständig. Vielleicht hast Du schon mal von der 4% Regel gehört? Ich will jetzt nicht detailliert darauf eingehen, aber diese besagt, dass Du Dir über einen Zeitraum von 30 Jahren jedes Jahr 4% von Deinem Kapital entnehmen kannst, und die jährliche Entnahme wird sogar noch jedes Jahr um die Inflation erhöht. Also wozu dann der Rentenfaktor? Da ist es doch wesentlich besser das Geld in Eigenregie zu investieren und zu entsparen. Dazu kommt noch, dass selbst verwaltetes Kapital viel flexibler ist: Du kannst Dir bei Bedarf auch mal mehr auszahlen wenn z.B. eine größere Anschaffung oder Reparatur notwendig ist. Und Du kannst das Kapital ganz normal vererben, d.h. Deiner Familie geht nichts verloren falls Du frühzeitig den Löffel abgibst.

Alles in allem halte ich also eine günstige Riester-Rente, die ab einem Alter von 62 schädlich verwendet / gekündigt wird für eine prima Sache. Leider ist der geförderte Beitrag bei 2.100 Euro pro Jahr begrenzt. Ich hoffe der Artikel ist für Dich im Rahmen des Vermögensaufbaus hilfreich. Wenn du Interesse an meinem Berechnungstool hast, dann schreib mich bitte kurz an. Wenn Du wissen willst bei welchem Anbieter ich meine ETF Riester Rente mit 0,8% TER habe, dann schreibe mich ebenfalls an, denn eine öffentliche Produktwerbung lehne ich an dieser Stelle ab.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Vielen Dank fürs Teilen dieser „kreativen“ Gestaltung. Klasse Artikel!

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