Schickt Herr Looman seine Leser in die Pleite?

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Ich lese gerne die FAZ, und ich lese auch gerne die Kolumnen von Volker Looman zum Thema persönliche Finanzen. Wir teilen gleiche Interessen: die sichere Entnahmestrategie. Den Beitrag von heute fand ich daher besonders spannend. Herr Looman untersucht, wie man sich in der heutigen Zeit ohne Zins die Rente aufbessern kann. Also genau mein Spezialgebiet. Der Artikel befindet sich leider hinter der Bezahlschranke, hier aber trotzdem der Link für alle Abo-Besitzer.

Herr Looman berät ein 65 Jahre altes Paar, das über 500.000 Euro Liquidität verfügt und diese investieren möchte, um die Rente aufzubessern. Es werden verschiedene Möglichkeiten miteinander verglichen. Die beiden Alternativen private Rentenversicherung und Kauf einer Immobilie sowie deren anschließende Vermietung werden schnell verworfen. Stattdessen wird als optimale Lösung ein Entnahmeplan aus dem Aktienportfolio empfohlen.

Hurra! Endlich werden Entnahmestrategien als beste Alternative erkannt. Eine großartige Entwicklung. Aber bitte Vorsicht, niemals das damit verbundene Risiko vergessen! Ich zitiere den Vorschlag des Autors:

Der „totale“ Kontrast zu Sofortrente und Immobilie ist die vollständige Geldanlage der 500.000 Euro in Aktien. Dadurch kann die monatliche Zusatzrente angesichts einer Rendite von 6 Prozent vor Steuern und 4,42 Prozent nach Steuern auf 2.722 Euro steigen.

Wow! Herr Looman ist ein Optimist! 2.722 Euro pro Monat mal 12 ergibt 32.664 jährliche Entnahme aus einem 500.000 Euro-Portfolio. Das sind 6,53% Entnahmerate p.a. über 25 Jahre! Alle regelmäßigen Leser des Blogs ahnen sofort, dass hier eine wichtige Information fehlt: die Pleitewahrscheinlichkeit! Schon ein Ereignis wie das Platzen der Dotcom-Blase im Jahr 2000 – auch in Zukunft nicht unwahrscheinlich – hält Herr Loomans Empfehlung nicht stand. Nimmt man als Datenbasis den realen S&P 500 Index von 1900 bis 2020 mit allen Krisen der Vergangenheit als Grundlage, so wie es mein Renten-Planungstool immer macht, wird die Empfehlung des Herrn Looman mit einer Wahrscheinlichkeit von 35,6% scheitern! Das heißt, dem Rentnerpaar aus dem Artikel wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit noch vor dem 90. Geburtstag, dem Ende der Rentenplanung, die Pleite drohen, das Geld ausgehen.

Grafik: die blaue Linie zeigt, welche jährliche Entnahme in der Vergangenheit für eine 25 Jahre andauernde Entnahmephase möglich gewesen wäre, ohne vorzeitig bankrott zu gehen. Dieser Wert lag in der Vergangenheit phasenweise immer wieder deutlich unter der in dem Artikel vorgeschlagenen Entnahmerate i.H.v. 6,53% p.a.

Entnahmestrategie ja, aber bitte mit Risikobewusstsein und Vorsicht. Bei Aktien-Renditen ist eben nur der Durchschnitt konstant. Das tägliche Auf und Ab an den Märkten bewirkt, dass wir aus Gründen der Vorsicht nur einen Teil dieser durchschnittlichen Rendite für uns entnehmen dürfen. Ich hoffe daher, dass das Thema Sequence of Return Risk bei all der wachsenden Popularität von Entnahmestrategien nicht unter den Tisch fällt. In dem FAZ-Beispiel wird für 25 Jahre geplant. Hier sind meiner Meinung nach eher 4% angemessen (1% Pleite-Gefahr), mit etwas Mut zum Risiko vielleicht auch 4,2% (2,5% Pleite-Gefahr). Ich gestatte dem Paar daher leider nur rund 1.700 Euro monatliche Rente, dafür fällt bei mir die Nachsteuerrendite höher aus, denn es wird nur der Anteil der Entnahme besteuert, der aus dem Ertrag besteht.

1.700 Euro, die sind gemäß Artikel auf Augenhöhe mit der privaten Rentenversicherung oder der Vermietung. Zumindest was den ökonomischen Output betrifft. Und auch nur im ersten Jahr. Denn die private Rentenversicherung ist nicht inflationsindexiert, so dass die daraus generierte Zusatzrente im Zeitablauf an Kaufkraft verliert. Darüber hinaus ist das Kapital am Ende der Entnahmephase mit Sicherheit aufgebraucht. Die Erben gehen leer aus.

Mieten können zwar angehoben werden, jedoch verursacht die Vermietung im Vergleich zu einem ETF-Portfolio viel Aufwand. Weiterhin besteht das Risiko eines temporären Mietausfalls, das man nicht unberücksichtigt lassen sollte, insbesondere bei nur wenigen Objekten zur Vermietung. Es gilt gut zu überlegen, ob man diesen Stress und schlaflose Nächte im Alter wirklich auf sich nehmen möchte.

Ich war auf jeden Fall sehr erfreut, dass die renommierte Tageszeitung F.A.Z. eine Entnahmestrategie aus dem Aktienportfolio gut begründet empfiehlt. Die Dinge entwickeln sich in die richtige Richtung! Das konkrete Umsetzungsbeispiel verdeutlicht aber auch noch einmal, dass die in derartigen Finanzplänen verborgene Komplexität leicht übersehen werden kann. Mit möglicherweise folgenschweren Konsequenzen für den, der den Rat anderer ungeprüft umsetzt. Dem zukünftigen Privatier darf das Pleite-Risiko nicht verborgen bleiben. Nur wer bei seiner Entnahmestrategie alle Fakten bis hin zur Pleitewahrscheinlichkeit kennt, ist ausreichend finanziell aufgeklärt.

Hier geht’s zur sicheren Rentenplanung

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Doris
Doris
3 Monate zuvor

Pleitegehen werden die Loomannschen Rentner des Artikels in der F.A.Z. wohl nicht, weil sie zusätzlich über eine gesetzliche Rente von 2000 EUR und ein Eigenheim im Wert von 600 000 EUR verfügen. Ggf. könnten sie die Immobilie ja noch veräußern, wenn sich der im Artikel geschilderte Substanzverbrauch über jeweils 10 Jahre nicht ausgehen sollte.

Niklas
Niklas
3 Monate zuvor

Die Immobilie als Alternative würde ich nicht so schnell abtun. Zu der EK Summe 500k könnten sie guten Gewissens 30-40% hebeln und das FK (alles 1. Rang) gar nicht oder nur mit 1% tilgen. Diversifiziert auf 2-3 Objekte wäre der Free-Cashflow von Beginn wohl höher als die Depotentnahme.

Last edited 3 Monate zuvor by Niklas
Niklas
Niklas
Reply to  Georg
3 Monate zuvor

Wollte an der Stelle aus eigenem Interesse die Kreditvergabe für Rentner bzw. nach dem Erwerbsleben eben aufgreifen.
Kann jemand sagen ob wie in dem Loomann Fall eine Kreditvergabe schwierig bis unmöglich ist?

Also konkret wie bei Loomanns bezahltes Haus welches zur Beleihung dienen könnte, Rentenbezug und Mieteinnahmen welche die Zins- und Tilgungsrate deutlich übersteigen sowie eine Beleidigung des Mietobjektes selbst von kleiner 40%.

Danke für die Antworten vorab.

Christoph
Christoph
Reply to  Georg
3 Monate zuvor

Ich kann dazu leider nichts beitragen:
Ich tausche quasi ein Haus gegen ein anderes und nehme
die Differenz zum Neuen aus dem liquiden Vermögensteil.
Komme also ohne Finanzierung aus.

Das hat im wesentlichen zwei Gründe:
a) ist es gewissermaßen ein Rebalancing aus dem sehr weit gelaufenen Aktiendepot (falls man es noch sagen kann: Stichwort „Milchmädchen-Hausse“) rüber in Steine.
b) hab ich beruflich und privat trotz bevorzugtem Status derartig nervige Erfahrungen mit Bankkrediten gemacht (mit unglaublich spröden, trägen, aber extrem wissbegierigen Banken) das mir meine Autarkie wichtiger war als der mögliche Hebel.

Beide Punkte sind zwar sehr bauchlastig,
aber ich schlafe gut.

Joerg
Joerg
Reply to  Niklas
3 Monate zuvor

Evtl ist auch eine Umgekehrte Hypothek eine Option, wenn das Haus nicht vererbt werden sondern verzehrt werden soll?
de.wikipedia.org/wiki/Umgekehrte_Hypothek
Wenn man im Internet sucht, gibt es etliche Anbieter.

Niklas
Niklas
Reply to  Joerg
3 Monate zuvor

Eine umgekehrte Hypothek wäre keine Option. Das “potentielle Vorhaben” ist auch Zukunftsmusik. Es geht um eine Bebauung eines vorhandenen Grundstückes im Familienbestand. Wäre eventuell ein schönes FIRE Projekt. Wenn eine Finanzierung nicht klappt muss ich dann halt die dann gereiften Kids mit einbinden … sofern sie wollen 🙂

Christoph
Christoph
3 Monate zuvor

Also, in der Situation des Looman-Paares die Möglichkeit einer Immo zur Vermietung ( mit relativ großem „Klumpenrisiko“ ) in Betracht zu ziehen wäre für mich undenkbar.
Numerisch vielleicht möglich, aber möchte ich mich mit 80 oder 90 vielleicht noch um Handwerker, Abrechnungen oder Leerstand, geschweige Mietnomaden kümmern müssen?
Die Erfahrungen von solchen Amateur-Vermietern zum einen, aber auch mit dem Alterungsprozess zum anderen in meiner Umgebung spricht da eine klare Sprache. Never ever.
Und auch der Verkauf einer Immo aus dem Portefeuille kann da zum Drama werden.
Zusätzlich wird die Bank doch zum Kredit Sicherheiten verlangen,
und auch der Abschluss einer RLV könnte herangezogen werden.
Nein, alles außer einem Aktienkorb und einer realistischen (ggf flexiblen) Entnahmerate ist für mich keine Option.

Last edited 3 Monate zuvor by Christoph
Thomas
Thomas
Reply to  Christoph
3 Monate zuvor

Stimme Ihnen in allen Punkten zu. Habe den Artikel von Herrn Loomann auch mit einem leichten Kopfschütteln gelesen.

Ich selbst befinde mich gerade genau in dieser Situation und habe mich nach reichlich Literatur- und Blogstudium (auch hier und bei den Frugalisten, FIRE und Vanguard), in Podcasts und YouTube-Videos zur Entnahmestrategie nach dem Prinzip des Puffer-Pantoffel-Portfolios (ausgewogene Variante) der Stiftung Warentest entschieden. Ich gönne mir zusätzlich zu meiner berufsständischen Rente eine Zusatzentnahme von 2.000 EUR monatlich über 25 Jahre. Und ich muss dazu nicht mein Eigenheim veräußern

Grundlage ist die Faustregel: 100 minus Lebensalter = Aktien/ETF-Quote.
Entnahmerate ist 3,8% und der “Sicherheitsanker” ist das Tagesgeld verteilt auf 4 verschiedene Konten bei verschiedenen Banken.

Alternative war für mich lange Zeit das sog. Topfmodel (Podcast #287 von Matthias Krapp: “Wissen-schafft-Geld”). Weil aber das Puffer-Pantoffel-Portfolio einen Draw-Down bis zu 50% berücksichtigt und die Entnahmerate im Alter der Inflation und dem steigenden Bedarf im Alter angepasst wird und sogar steigt, habe ich mich für den Pantoffel entscheiden. Jetzt kann ich nur hoffen, dass mich das SoRR nicht gleich zu Beginn der Entnahmephase trifft …

Diese Blogserie von Georg verfolge ich von Anbeginn und bin äußerst dankbar für seine akribischen Untersuchungen mit einem erheblichen Mehrwert zu diesem Thema. Meines Wissens findet man zu diesem Thema im deutschsprachigen Raum keinen besseren Content im Internet. Auf alle Fälle ist Georg praxisnäher und realitätsbezogener als die letzte Publikation hierzu von Dr. Kommer.

PS
Georgs Auftritt beim Finanzrocker war Klasse.

Danke.

Last edited 3 Monate zuvor by Thomas
Christoph
Christoph
Reply to  Georg
3 Monate zuvor

Ja, die Umverteilung mache ich auch anders.
@Thomas: ZB mit 120-Alter.
Oder mal über das Konzept des „Bond-Tents“ nachdenken.

Marius
Marius
3 Monate zuvor

Danke für den Beitrag. Noch eine Anmerkung, da es vielleicht nicht alle wissen.

Man kann sich den Zeitungsartikel auch ohne FA-Abo durchlesen, wenn man Mitglied der öffentlichen Bibliothek ist.

In Berlin wäre das z.B. der “Verbund Oeffentlicher Biblioteken Berlin” http://www.voebb.de
Dort dann in der “Onleihe” die FA vom 13. April suchen. Man benötigt als Zugangsdaten die Nummer der Bibliothekenkarte.

Geht sicher in den anderen Bundesländern ähnlich.

VG Marius