Mit Rebalancing langfristig die Rendite steigern

Mit Rebalancing langfristig die Rendite steigern

Rebalancing ist das Wiederherstellen einer ursprünglich gewählten Ziel Allokation (z.B. 70% MSCI World und 30% MSCI EM), falls die tatsächliche Portfolio-Aufteilung durch Marktbewegungen im Zeitablauf abweicht. Der heutige Artikel ist daher sowohl für Sparer als auch Privatiers interessant, denn beide Gruppen müssen sich Gedanken um ihre Asset-Allokation machen. Den Anstoß für diesen Artikel hat ein Forums-Beitrag gegeben, in dem von der „Swedroe 5/25 Rule“ berichtet wurde. Da mir diese Regel bis dato unbekannt war, habe ich eine kleine Recherche gestartet. In einem amerikanischen Blog bin ich dann auf eine ausführliche Erklärung gestoßen. Doch der Reihe nach.

Was steckt konkret hinter der Swedroe 5/25 Regel?

Larry Swedroe ist ein amerikanischer Autor von Finanzliteratur. In seinem Buch „Think, Act and Invest like Warren Buffet“ stellt er eine selbst erdachte Rebalancing Rule, die „Swedroe 5/25-Regel“ vor. Diese besagt, dass ein Rebalancing immer dann stattfinden soll, wenn eines der beiden folgenden Kriterien erfüllt ist:

a) die tatsächliche Allokation weicht mehr als 5%-Punkte von der Ziel-Allokation ab (z.B. Soll = 30% vs Ist = 24%; Abweichung >5% Punkte) oder

b) die tatsächliche Allokation weicht mehr als 25% (relativ!) von der Ziel-Allokation ab (z.B. Soll = 30% vs Ist = 22%; Abweichung >25%)

Anders als bei vielen anderen Regeln wird das Rebalancing also nicht in einem bestimmten zeitlichen Intervall durchgeführt (z.B. einmal pro Monat), sondern nur wenn die Ist-Situation deutlich vom Zielbild abweicht. Begründung: das Korrigieren von kleinsten Abweichungen stiftet weniger Nutzen als Transaktionskosten anfallen.

Was ist der zentrale Gedanke dieser Regel?

Neben dem Kostenspar-Aspekt ist der Hauptgedanke dieser Regel aber nicht die Wahrung einer bestimmten, optimalen Risiko-Rendite-Relation (hier findest Du weitere Informationen zur optimalen Asset Allokation). Das eigentliche Ziel ist die Steigerung der Rendite durch Verkauf relativ hoch bewerteter Assets mit anschließendem Kauf von geringer bewerteten Assets (buy low sell high). So soll man stärker von der bekannten Regression zum Mittelwert (Mean-Reversion) profitieren. An dieser Stelle eine Darstellung wie sich die relativen Anteile unter Annahme einer 70/30 MSCI World/EM Zielallokation bei Anwendung der Swedroe 5/25 Regel entwickeln:

Die vertikalen grünen Linien zeigen an, wann es zu einem Rebalancing gekommen ist. Und zwar immer dann, wenn ein Portfoliobestandteil mehr als 5% von seiner Zielallokation abweicht. Ohne Anwendung dieser Regel läge der Anteil des MSCI World in diesem Beispiel nach 32 Jahren bei ca. 52%.

Abschöpfen der Regression zum Mittelwert, das klingt soweit alles logisch und vernünftig. Aber die spannende Frage ist ob dieser Mechanismus tatsächlich wie angedacht funktioniert. Deshalb habe ich diese Regel mit der von mir präferierte Methode, der historischen Simulation, für eine 70/30 MSCI World / EM Allokation getestet. Konkret habe ich Zeiträume von 1 Jahr bis 25 Jahren untersucht. Der folgende Chart zeigt in wieviel Prozent der Fälle die Rebalancing Strategie im Vergleich zu einer Anlage ohne Rebalancing zu einem höheren Vorsteuer-Ergebnis geführt hätte:

Die blaue Linie beschreibt in Abhängigkeit vom Anlagehorizont den Anteil der historischen Kursverläufe, bei denen es rückblickend besser gewesen wäre, kein Rebalancing durchzuführen. Die rote Linie zeigt dagegen den Anteil der Fälle, bei denen ein Rebalancing zu einem besseren Ergebnis als ohne Rebalancing geführt hätte. Bis 6 Jahre einschließlich addieren sich beide Linien nicht zu 100%. Dies ist durch Kursverläufe zu erklären, die keinen Rebalancing Bedarf gemäß der Swedroe 5/25 Regel begründen, und daher nicht in die Bewertung einfliessen.

Gemäß dieser Grafik führt das Rebalancing erst nach ca. 8 Jahren Investmenthorizont zu einem signifikant besseren Ergebnis. Die Grafik oben berücksichtigt aber nicht die Höhe der Vorteilhaftigkeit. Eine präzisere Aussage ergibt sich erst durch den Vergleich der durchschnittlichen Ergebnisse (mit vs ohne Rebalancing). Wer hat mehr verdient?

Immer wenn die Linie über 100% liegt, war das Ergebnis mit Rebalancing besser als es ohne gewesen wäre. Es sieht so aus, als ob bei einem kurzen Investitionshorizont ein Rebelancing keinen wirklichen Vorteil bringt. Vielmehr zeigt sich, dass es mehrere Jahre benötigt bis die Strategie des regelmäßigen Abschöpfens der Regression zum Mittelwert Früchte trägt. Wer teuer verkauft und billig einkauft, muss seiner Aussaat auch die nötige Ruhe zum Wachsen gönnen. Ergänzend zum ersten Chart zeigt diese Grafik auch, dass der Performance-Vorteil durch die Anwendung der Swedroe 5/25 Regel mit zunehmendem Investmenthorizont weiter ansteigt. Dies werte ich als weiteres Indiz dafür, dass diese Rebalancing Strategie für einen langfristigen Investor nachhaltige Rendite-Vorteile generiert.

Aber wie sieht das Bild aus, wenn plötzlich Steuern ins Spiel kommen?

Der eine oder andere Leser hat es sich bestimmt schon gedacht: Rebalancing geht mit einer regelmäßigen Realisierung von Gewinnen einher. Und dann ist der Fiskus plötzlich mit von der Partie. Die zusätzlichen Abgaben werden eine negative Auswirkung auf das Gesamtergebnis haben.

Die Stammleserschaft von Hr. Swedroe hat dagegen einen massiven Vorteil, denn diese sitzt in den USA. Dort gibt es für die Altersvorsorge das sog. 401k Depot. Dieses Depot ist aus meiner Sicht der Traum eines jeden Sparers, der sich selbst um die eigene Altersvorsorge kümmert. Nicht nur, dass Einzahlungen in dieses Depot aus dem unversteuerten Brutto-Einkommen vorgenommen werden, nein, man kann sogar innerhalb dieses Mantels umschichten und Gewinne realisieren, ohne dass es dabei zu einer Besteuerung kommt. Mit der Verfügbarkeit von einem solchen Konstrukt könnten wir an dieser Stelle die Untersuchung beenden. Denn die Vorteilhaftigkeit des Rebalancings ohne Berücksichtigung von Steuern wurde bereits demonstriert. Doch leider müssen wir hierzulande unter erschwerten Bedingungen operieren. Frank Sinatra würde zur finanziellen Unabhängigkeit in Deutschland sagen: if you can make it there, you can make it anywhere.

In der folgenden Grafik stelle ich die relative Vorteilhaftigkeit des Rebalancings unter Annahme verschiedener Steuersätze dar. Ein Steuersatz ist dabei von besonderem Interesse: 17,5%. Dieser ergibt sich aus den bekannten 25% Abgeltungssteuer ohne Soli, denn der fällt eh bald für die meisten weg, inklusive 30% Teilfreistellung für Aktiengewinne (25% * 0,7 = 17,5%). Wer noch nicht davon gehört hat: die Teilfreistellung gibt es seit 2018 weil mit der Investmentsteuerreform auch neue Abgaben auf Fondsebene eingeführt wurden. Der Anleger soll für diese zusätzlichen Abgaben, welche die Substanz und damit die Rendite des Fonds schmälern, entschädigt werden. Es handelt sich also nicht um ein Geschenk des Staates. Experten sind sich aber einig, dass die Regelung aus Sicht des Anlegers leicht vorteilhaft ist. Voraussetzung ist jedoch, dass der Fonds  eine Aktienquote von mindestens 51% durch physische Replikation unterhält.

Doch nun zum Chart:

Mit Berücksichtigung von Steuern erscheint ein Rebalancing gemäß der Swedroe 5/25 Regel plötzlich nicht mehr vorteilhaft, es sei denn der persönliche Steuersatz ist deutlich gering. Die Linie mit dem für die allermeisten Sparer relevanten Steuersatz von 17,5% oszilliert ganz eng um die 100%. Außer dem zusätzlichem Aufwand, das eigene Portfolio zu tracken, hat man als Anleger in Deutschland keinerlei Vorteil. Der Fiskus erlaubt es nicht die damit mögliche Zusatzrendite zu generieren. Ohne die neue Teilfreistellung, also mit einem Steuersatz von 25%, ist die zusätzliche Rendite durch Rebalancing sogar eindeutig negativ. Ganz zu schweigen von einem Szenario in dem Kursgewinne mit dem persönlichen Steuersatz zu versteuern wären.

Und was ist mit den Transaktionskosten?

Neben Steuern wären natürlich auch noch die Transaktionskosten zu berücksichtigen. Darauf habe ich aber im Rahmen dieser Analyse verzichtet. Denn die Swedroe 5/25 Regel ist bewusst darauf ausgelegt, die Transaktionsfrequenz zu reduzieren. Dadurch kommt es nur selten zu Portfolioanpassungen, wie folgender Chart zeigt:

Im Durchschnitt ist demzufolge alle 2 Jahre mit einer Portfolio-Anpassung zu rechnen. Das macht den Braten nicht fett.

Gibt es für Sparer in Deutschland vielleicht doch eine Möglichkeit vom Rebalancing zu profitieren?

An dieser Stelle bietet es sich abschließend an zu untersuchen, ob durch eine Modifikation der Rebalancing Regel ein besseres Ergebnis erzielt werden könnte. Wie oben beschrieben kommt es bei der Swedroe 5/25 Regel immer dann zu einer Anpassung der Asset Allokation, wenn mindestens eine Portfolio Komponente mehr als 5% von ihrer Zielallokation abweicht (den 2. Teil der Regel, der besagt, dass auch eine relative Abweichung von 25% ein Rebalancing auslöst, ignoriere ich hier). Wie sieht aber das Ergebnis aus wenn man den Schwellenwert von 5% auf z.B. 2,5% oder 10% setzt? Oder mit anderen Worten: die Häufigkeit von Umschichtungen erhöht bzw. reduziert. Die folgende Grafik zeigt das Ergebnis zum einen mit der Annahme eines Steuersatzes von 17,5%, und zum anderen ohne Berücksichtigung von Steuern:

Drei Dinge fallen sofort auf:

1) beide Linien haben eine positive Steigung. Das bedeutet, ein höherer Schwellenwert scheint sich grundsätzlich positiv auszuwirken. Es macht offenbar Sinn, nicht bei der kleinsten Korrektur eines Index sofort in Aktionismus zu verfallen. Viel besser ist es Marktbewegungen erst mal laufen zu lassen, bevor man anfängt den Anteil der Performer im Portfolio zugunsten der Underperformer zu reduzieren.

2) die Linie unter der Annahme eines Steuersatzes von 17,5% hat eine stärkere Steigung als die 0% Steuer Linie. Unter Berücksichtigung von Steuern macht es also noch mehr Sinn die Frequenz des Rebalancings zu reduzieren. Denn wer weniger häufig Steuern zahlt, der hat im Durchschnitt mehr investiertes Kapital.

3) bei einem Rebalancing Trigger von 5% liegt mit dem in Deutschland seit neuestem anzuwendenden Steuersatz von 17,5% in etwa der Wendepunkt. Hier halten sich die Vorteile von Rebalancing und die Nachteile der regelmäßigen Besteuerung in etwa in Waage. Bei Schwellenwerten darunter überwiegen offenbar die Nachteile der Besteuerung. Bei Schwellenwerten darüber lässt sich aber auch in Deutschland eine Mehrrendite durch Rebalancing generieren.

Fazit

Die Regression zum Mittelwert stellt eines der fundamentalen Gesetze des Aktienmarktes dar. Durch diesen Effekt erhält jeder Investor unabhängig vom Zeitpunkt des Einstiegs langfristig immer die durchschnittliche Aktienmarktrendite (in diesem Artikel beschreibe ich den Effekt ausführlicher). Mit einer Rebalancing Strategie lässt sich die Regression zum Mittelwert fortlaufend nutzen, und die Rendite dadurch steigern (sell high & buy low). Sparer in Deutschland sollten aufgrund der regelmäßigen Besteuerung jedoch einen höheren Schwellenwert als den gemäß der Swedroe 5/25 Regel verwenden.

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RoMario
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RoMario

Hallo Georg,
wiedemal ein toller Bericht mit hoch interessanten Ergebnissen. Besten Dank!
Was aber vermutlich/sicherlich eine nicht zu verachtende Rolle spielt, ist ein Rebalancing durch Zukäufe.

Viele Grüße
Mario

Kapitalistenschwein
Gast

In der Ansparphase sollte das Rebalancing abhängig von Depothöhe und Sparleistung komplett ohne Steuereffekte durchführbar sein. Und zwar über Zukäufe, wie von dir geschrieben.
Und in der Entsparphase „profitiert“ man bestenfalls von einem niedrigeren Steuersatz.

Hans
Gast
Hans

Hallo Georg, kurze Anmerkung: Der Soli auf die Kapitalertragssteuer bleibt unabhängig vom Einkommen weiter bestehen. In dieser Betrachtung wäre er daher doch relevant, weil er eben für niemanden wegfällt. Ich glaube aber auch nicht, dass die Kurven für 18,5% so viel anders aussehen würden als für die gezeigten 17,5%.

Felix
Gast
Felix

Großes Dankeschön für deine fundierten Artikel. Die meisten Blogs kratzen mMn meist an der Oberfläche, hier komme ich als bisschen technisch versierterer Leser eher auf meine Kosten (hab selber Mathe studiert). Bitte weiter so!
Cheers

Kapitalistenschwein
Gast

Hallo Georg,

interessanter Artikel. Rebalancing sollte ja immer regelbasiert erfolgen. D.h. wenn der Ist-Zustand vom Soll-Zustand in einer vorher festgelegten Weise abweicht, muss umgeschichtet werden. Das sagt ja auch die Swedroe 5/25 Rule aus.

Wenn ich dich nun richtig verstanden habe, liegt der Unterschied zum „gewöhnlichen“ Rebalancing darin, dass das Rebalancing sofort, d.h. nicht zu einem festgelegten monatlichen, jährlichen oder sonstigem Datum, erfolgt. Also sobald die Abweichung eintritt.

Wäre dann nicht die interessante Fragestellung, wie sich ein solches sofortiges Anpassen renditemäßig von einem z.B. jährlichen Rebalancing unterscheidet? Ich würde von meinem Verständnis deiner historischen Simulation mal darauf schließen, dass bei deiner Simulation auch kein sofortiges, d.h. tagesaktuelles Rebalancing erfolgte, sondern dies auf Monatsbasis geschah. Insgesamt würde ich aus dem Bauch heraus aber sagen, dass der Zeitpunkt des Rebalancings renditemäßig vernachlässigbar ist, solange das Rebalancing zumindest regelmäßig (Mindestens alle 12 Monate) erfolgt/geprüft wird. Insofern die Swedroe 5/25 Rule also nicht besser/schlechter ist als gewöhnliches Rebalancing.

Was meinst du? Oder habe ich deinen Aufhänger zu Beginn überinterpretiert und du wolltest generell nur einmal den renditehebenden Effekt von Rebalancing erläutern?

LG Felix

Marius
Gast
Marius

Geht es im Original bei der Swedroe 5/25 Regel auch nur um MSCI World/MSCI EM? Ich könnte mir vorstellen, dass zum Beispiel eine Zykliker/Nicht-Zykliker Aufteilung effektiver ist.