Wenn Tote pleite gehen – ab 60 ist die 4% Regel sicher

Wenn Tote pleite gehen – ab 60 ist die 4% Regel sicher
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Heute gibt’s den dritten und letzten Teil der Serie zum Thema „Entnahmestrategien und die Sterbestatistik“ für mehr Optimismus und Realismus während der Entnahmephase. Früher hätte ich diesen und die letzten beiden Artikel zu einem einzigen, größeren Artikel zusammengefasst. Ich glaube aber es ist allgemein angenehmer kürzere Texte zu lesen, die sich auf eine einzelne Idee konzentrieren. Und überhaupt, wer interessiert sich schon für SEO?! Ich hoffe das neue Format gefällt, über ein kurzes Feedback würde ich mich sehr freuen!

Und jetzt zum Artikel. Gemäß historischer Analyse geht ein Privatier, der nach der 4%-Regel lebt, mit 2,7% Wahrscheinlichkeit innerhalb von 30 Jahren Pleite. Für den 60-jährigen Zeitraum steigt die Pleitewahrscheinlichkeit sogar auf 8,5% an.

Finanzen sind ein Problem der Lebenden

Die spannende Frage dabei lautet: wann genau erfolgt die Pleite? Findet die Pleite nämlich zu einer Zeit statt zu der der Privatier womöglich bereits gestorben ist, dann handelt es sich nicht um eine echte Pleite, denn dieser Zeitpunkt wäre erst gar nicht erreicht worden. Mit anderen Worten: wer tot ist kann nicht pleite gehen!

Schauen wir uns zuerst die Verteilung der Pleitezeitpunkte an bevor wir diese, du ahnst es, anschließend mit der Sterbestatistik verknüpfen. Der Lohn dieser Übung wird schließlich die Kenntnis über die reale Pleitegefahr bei Anwendung der 4% Regel in Abhängigkeit vom Alter bei Rentenbeginn sein.

Die Häufigkeitsverteilung der Pleitejahre gemäß einer Simulation basierend auf den monatlichen realen Renditen des S&P 500 TR Index von 1870 bis heute eröffnet eine neue Perspektive auf die Dimension Zeit. Bis 17 Jahre traf es während der Entnahmephase bisher niemanden, danach steigt mit jedem weiteren Jahr die Wahrscheinlichkeit das eigene Portfolio vorzeitig zu entsparen an. Der Höhepunkt der Privatinsolvenzen ist nach 30 bis 40 Jahren erreicht, wer dieses Bermudadreieck durchfahren hat gilt anschließend als weniger gefährdet.

Aber was, wenn zum Zeitpunkt der Pleite unser Privatier bereits das zeitliche gesegnet hat?

Wie wahrscheinlich das Erleben der eigenen Pleite ist, hängt vom Alter des Privatiers zum Start der Entnahmephase ab. Ein 60-Jähriger wird wohl kaum den letzten Tag einer 60 Jahre andauernden Entnahmephase erleben, unabhängig von der Größe des Depots. Für einen 40-Jährigen sind die finanziellen Gefahren eines sofortigen Wechsels in den Privatier-Status aufgrund der längeren Lebenserwartung dagegen bedeutend wesentlicher.

An dieser Stelle kurz ein Blick auf die Erlebenswahrscheinlichkeiten des Deutschen in Abhängigkeit von seinem aktuellen Alter:

Jede Linie steht für ein aktuelles Alter, es geht in 5-Jahres Schritten von 40 bis auf 60 Jahre. In dieser Zeit machen sich die meisten Deutschen Gedanken um ihre Rente. Wer beispielsweise heute 60 alt ist, der wird mit 50% Wahrscheinlichkeit noch weitere 23 Jahre erleben. Dann wird die Luft dünn, weitere 10 Jahre bis zum Alter von 93 schaffen gemäß Sterbestatistik nur 10% der heute 60-Jährigen.

Beide Statistiken kombiniert ergeben die wahre Pleitegefahr

Mein Entnahmeplan soll stabil sein bis ich 101,5 Jahre alt bin, denn dann wäre meine Frau 100 Jahre alt. Obwohl ich optimistisch und stets guter Dinge bin, weiß ich auch was man realistisch erwarten darf. Aber wer befasst sich schon gerne mit der eigenen Vergänglichkeit? Oft wird dieses Detail bei der persönlichen Finanzplanung ausgeblendet. Dann doch lieber das Langlebigkeitsrisiko absichern und bis 100 planen.

Der nüchterne Blick auf den Verlauf der Dinge lohnt sich jedoch in diesem speziellen Fall! Die Kombination aus Sterbestatistik und der zeitlichen Verteilung der Pleiten lässt uns die wahre Pleitegefahr ermitteln. Für einen 60-Jährigen sind die Effekte dabei erheblich:

Das Risiko die eigene Pleite nicht mehr zu erleben führt zu einer deutlich reduzierten effektiven Pleitegefahr. Grafisch bleibt vom Berg der Pleite-Wahrscheinlichkeiten nur noch ein kleines Häuflein übrig. Vor diesem Hintergrund spricht insbesondere für Menschen ab 60 nichts gegen die Anwendung der 4% Regel.

Die vollständigen Ergebnisse lassen sich aus Platzgründen am besten tabellarisch darstellen. Die folgenden drei Tabellen stellen die reale Pleitewahrscheinlichkeit nach Dauer der Entnahmephase und Alter bei Start der Entnahmephase dar. Jeweils eine Tabelle für 3,5%, 4% und 4,5% Entnahmerate.

Ein Lesebeispiel: Die mittlere Tabelle steht für die 4%-Regel. Aus der Spalte allgemein entnehmen wir, dass ohne Hinzunahme weiterer Information die Wahrscheinlichkeit über einen Zeitraum von 30 Jahre Pleite zu gehen 2,7% beträgt. Ein 40-Jähriger, der eine 30 Jahre andauernde Entnahmephase plant, muss mit einer realen Pleitewahrscheinlichkeit von 2,3% rechnen (orange). Im Alter von 60 reduziert sich das Pleiterisiko für den 30-jährigen Zeitraum aufgrund der erhöhten Sterbewahrscheinlichkeit auf lediglich 0,9% (grün).

Last but not least abschließend noch alle Statistiken aus dem Artikel gerechnet auf Basis der Sterbetafel für Frauen.

Zunächst die Erlebenswahrscheinlichkeiten nach Alter.

Eine 60-jährige Frau wird erwartungsgemäß weitere 27 Jahre alt (60-jähriger Mann: 23 Jahre). Besonder spannend: der Vergleich Mann vs Frau:

Im direkten Vergleich sind die Kurven der Frauen (durchgezogene Linie) im Vergleich zu denen der Männer (gestrichelte Linie) deutlich nach rechts verschoben, was an der höheren Lebenserwartung von Frauen liegt.

Vor dem Hintergrund der persönlichen Finanzplanung macht dies die Dinge nicht unbedingt einfacher. Die um das Sterberisiko bereinigte Pleitewahrscheinlichkeit fällt dementsprechend höher aus.


Beitragsbild: liggraphy, pixabay.com

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David
David
6 Monate zuvor

Super Idee mit dem kürzeren Format 👍🏻

Carsten
Carsten
6 Monate zuvor

Angenehm zu lesen und doch gehaltvoll – bravo !

Peter
Peter
Reply to  Georg
6 Monate zuvor

Ja, das kürzere Format gefällt mir viel besser!

Daniel
Daniel
6 Monate zuvor

Das beste an den kürzeren Texten ist, dass ich mich viel häufiger über neue Beiträge freue! Gerne weiter so, echt klasse!

Freya
Freya
6 Monate zuvor

Sehr schön. Wie sieht das für Frauen aus?

Freya
Freya
Reply to  Georg
5 Monate zuvor

Super. Danke, Georg!

Thomas
Thomas
6 Monate zuvor

Ausgezeichnete Folgen zum Entsparen im Alter. Wesentlich sinnvoller und vor allem nützlicher als alles, was es dazu an Literatur gibt, inkl. Dr. Kommer oder Prof. Weber.
Ich bin 65 Jahre alt und habe jetzt endlich die Angst vor dem Sequence of Return Risk ablegen können. „You made my day!“, wie die Amerikaner sagen.

Sascha
Sascha
5 Monate zuvor

Toller Artikel, vielen Dank!

trackback
4 Monate zuvor

[…] für die verbleibende Lebenserwartung. Georg von finanzen-erklaert.de hat zu diesem Thema einen sehr lesenswerten Artikel inkl. Simulation […]

Matthias
Matthias
4 Monate zuvor

Hallo Georg,

kann man „nicht durchgeführte Jahres-Entnahmen“ ansparen und später als Gesamtsumme mit dem gleichen oder niedrigeren Risiko entnehmen?

Zwei Beispiele:

  1. Ein 60 jähriger geht in vorzeitige Rente und hat 100.000 Euro in der thesaurierenden Welt AG. Er plant, in den nächsten 20 Jahren inflationsbereinigte 3% p.a., also 3000 Euro p.a., aus der Welt AG herauszunehmen. Das ist das klassische Beispiel und sollte ja funktionieren.
  2. Ein 40 jähriger hat einen guten Job und hat 100.000 Euro in der thesaurierenden Welt AG. Er plant, in den nächsten 20 Jahren keine Entnahme aus der Welt AG durchzuführen, aber auch kein weiteres Kapital einzuzahlen. Könnte dieser heute 40jährige dann zwanzig Jahre später mit 60 Jahren für jedes der vergangenen 20 Jahre jeweils inflationsbereinigte 3% p.a. als einmalige Summe entnehmen? Bei angenommenes 2%-Inflation wären das knapp 73.000 Euro in 20 Jahren? Und ab dem 21. Jahr könnte er dann im Rentenalter jährlich weiter entnehmen? Ist das theoretisch richtig?

Danke und einen schönen Sonntag!

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

Danke Georg, aber je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr verwirrt mich die Höhe der sicheren Entnahme und von welchem Ausgangspunkt diese zu berechnen ist. In dem Beispiel des 40 Jährigen könnte es ja sein, dass die Börse sich in den nächste. 20 Jahren bei durchschnittlich 7,2% p.a. zweimal verdoppelt. Also werden in 20 Jahren aus 100.000 Euro 400.000 Euro. Wenn man an dieser Stelle nun „regulär“ die 3% Entnahme beginnt, würde man also 12.000 Euro im ersten Jahr entnehmen. Alternativ könnte man auch 73.000 Euro (angesparte, in den letzten 20 Jahren nicht durchgeführte Entnahmen) entnehmen? Das fühlt sich irgendwie falsch an.

Kann man das mathematisch herleiten? Ich bin gerade wirklich irritiert, denn das ließe ja grundsätzlich immer einmalig extrem hohe Entnahmen im ersten Jahr der Entsparphase zu. Aber das muss dich natürlich nicht beschäftigen…

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

Danke, Georg! Ich hatte die beiden Strukturen, die du nun sauber getrennt hast, miteinander vermischt. Jetzt habe ich wieder Klarheit.

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

Ein Artikel darüber würde mich sehr interessieren. Irgendwie bekomme ich gedanklich nur Stabilität bzgl. Entnahmehöhen, wenn ich mich nicht am Zeitpunkt des Beginns der Entnahmephase sondern am historischen Depothöchststand orientiere. Danke. Darauf freue ich mich,

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
3 Monate zuvor

Frohe Weihnachten, Georg.

Mein Vater hat gestern noch ein weiteres „paradoxes“ Szenario beschrieben. Und zwar kann man sich ja vorstellen, dass eine Person A in einem Jahr 1 den Betrag von 100.000 Euro in die Welt AG investiert ohne weitere Einzahlungen und Entnahmen durchzuführen. Innerhalb von 10 Jahren kommt es nun zu Schwankungen, u.a. +50% werden erreicht. Am Ende des 10. Jahres ist der Depotwert allerdings wieder bei 100.000 Euro. Genau hier kommt eine Person B erstmalig an die Börse und investiert ebenfalls 100.000 Euro in die Welt AG. Die Ausgangsposition von Person A und Person B ist also nun nahezu identisch (abgesehen von ein wenig Steuern auf Vorabpauschale und Börsenerfahrung). Beide sollten demzufolge auch eine identische Entnahmehöhe realisieren können ab dem Jahr 11 für Person A bzw. Jahr 1 für Person B. Die individuelle Historie (+50% zeitweise) von Person A ist also praktisch nichts wert in Bezug für eine zu realisierende Entnahmehöhe. In der Folge bedeutet das ja, dass es nicht darauf ankommt, welchen Höchstwert ein persönliches Depot in der Vergangenheit hatte, sondern welchen Höchstwert die Welt AG hatte. Diese Erkenntnis wiederum würde ja vermutlich auch den CAPE-basierten Entnahmestrategien entsprechen, so dass man zu der Erkenntnis kommen müsste, dass man keine Initiale Entnahmehöhe seines Depotwerts zum Beginn der Entnahmephase ansetzen müsste/sollte, sondern immer ausgehend vom historischen Höchstwert der Welt AG, da man ansonsten die unterschiedlichen Entnahmehöhen von Person A und Person B bei gleichem Depotwert nicht begründen kann.

Matthias
Matthias
4 Monate zuvor

Noch eine andere Frage, die du sicher immer mal wieder gestellt bekommst, Georg:

Das Problem mit dem Crash zu Beginn der Entnahmephase.

Beispiel 1:
100k im Depot. 3% Entnahme soll initial durchgeführt werden. Entnahmebeginn 01.01.2021. Es erfolgt also die erste Entnahme von 3000 Euro zum 01.01.2021. Depotwert nach der ersten Entnahme 97k. Nächste (sichere) Entnahme zum 01.01.2022 3060 Euro bei angenommener 2% Inflation in 2021.

Beispiel 2:
100k im Depot. 3% Entnahme. Entnahmebeginn aber 01.02.2021.

Szenario:
Nun 50% Crash im Januar 2021.

Beispiel 1 hat nun 48,5k im Depot.
Beispiel 2 hat nun 50k im Depot.

Beispiel 1 „darf“ nun aber zu Beginn des Jahres 2022 die 3060 Euro entnehmen.

Beispiel 2 „darf“ nach der reinen Lehre zum 01.02.2021 nur 1500 Euro entnehmen.

Wie löst man dieses Problem? Darf sich Beispiel 2 an Beispiel 1 orientieren und mit gutem Gewissen seine Entnahmehöhe auf Basis des Höchststands initiieren und 3000 Euro zum 01.02.2021 entnehmen? Falls ja, kann man sich dann nicht IMMER am jeweiligen Höchststand der Vergangenheit orientieren, wenn man eine konservative initiale Entnahmehöhe von 3% verwendet?

Falls du irgendwann Zeit findest, darauf (nochmal) einzugehen, wäre ich dir sehr dankbar.

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

ja, wir haben uns gedanklich überlappt hier. Danke vorab für den kommenden Artikel.

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

Wenn man zu den oben genannten zwei Beispielen noch einen dritten hinzunimmt, der genau nach dem 50% Crash erstmalig seine 100.000 Euro komplett neu investiert und dann sofort seine Entnahmephase beginnt, könnte dieser bei gleichem Risiko, wie Beispiel 1 mit einer Entnahmehöhe von 6% beginnen.

Es macht mich wahnsinnig .:-) Du wirst das in deinem Artikel sicher erklären…

Matthias
Matthias
Reply to  Matthias
4 Monate zuvor

Vielleicht kann man ja eine Regel finden, die in Abhängigkeit vom prozentualen Abstand des aktuellen Indexstands zum Höchststand die Höhe der prozentualen Entnahmehöhe für komplette Börseneinsteiger festlegt.

Beispiel:

Wenn du alles auf einmal neu investierst und sofort in die Entnahme übergehst, sind folgende Initiale Entnahmehöhen sicher machbar:

  • auf Allzeithoch: 3%
  • auf Allzeithoch – 10%: 3,5%
  • auf Allzeithoch – 20%: 4%
  • auf Allzeithoch – 30%: 4,5%
  • auf Allzeithoch – 40%: 5%
  • auf Allzeithoch – 50%: 5,5%

Keine Ahnung…immer wenn ich glaube, eine argumentativ stabile Lösung gefunden zu haben, finde ich ein Gegenbeispiel. 🙂

Matthias
Matthias
Reply to  Matthias
4 Monate zuvor

Ich will hier deinen Blog nicht vollmüllen, aber irgendwie beschleicht mich das „falsche“ Gefühl, dass es sinnvoll sein könnte, erst alles im nächsten Crash oder gestückelt bei Kursrückgängen zu investieren. Insbesondere wenn man flexibel bzgl. des Beginns der Entnahmephase ist. Aber vermutlich ist das ein Trugschluss, weil man dann die gesamte positive Rendite verpasst. Jetzt habe ich hier genug abgesondert und lasse deinen tollen Blog mal in Frieden. 🙂 ich freue mich auf deinen nächsten Artikel.

Matthias
Matthias
Reply to  Georg
4 Monate zuvor

Ach! Dein Forum habe ich noch gar nicht gesehen. Dann schaue ich da mal vorbei. Danke!